Bauchreligion? - Ein Kommentar von Wasmut Reyer
Am 16. August veröffentlichte die "taz" einen Kommentar "Eine schöne kleine Bauchreligion", in dem die Autorin Julia Seeliger Vegetarier, Veganer und Tierrechtler pauschal als "üble Gesellen" mit "faschistoide[r] Ideologie" verunglimpft. Während einige bereits Beschwerde beim Presserat eingelegt haben, findet auch Wasmut Reyer, dass eine solche scheinrational argumentierende, extremistische Entgleisung nicht unbeantwortet bleiben kann. Lesen Sie nachfolgend seinen Leserbrief, der in der Online-Ausgabe der "taz" am 24. August veröffentlicht wurde.
Auch Meinungsartikel sollten aufklären, und in der "taz" ganz besonders. Das gehört doch zu ihrem Profil – oder etwa nicht mehr? Was Julia Seeliger hier aber abgeliefert hat, produziert jedenfalls ernste Zweifel daran. Sie verwechselt nämlich Eruption von Emotionen mit Argumentation zu Positionen. Dabei gelingt ihr allerdings etwas Einmaliges: eine Zusammmenballung aller Pseudo-Argumente menschlicher Carnivoren gegen Nicht-Fleischesser und diejenigen, die sich für wirksamen Schutz von Tieren einsetzen. Ich schlage deshalb Frau Seeliger für einen Sitz im Vorstand der populären Organisation "Vereinigte Vorurteile e.V." vor. Sie demonstriert dem staunenden Publikum aber noch mehr, nämlich wie man ein Zerrbild seines Opfers herstellt, um dann das Konstrukt aus der Hüfte schießend zu durchlöchern. "Getroffen!" jubelt sie. Aber nichts passiert. Also ruft sie lauthals: "Gefahr, Gefahr! Es droht Krieg, mitten unter uns!" Aber keiner sichtet Truppen. Die Veganer sind einfach zu friedlich. "Raffinierte Bande, diese Typen tarnen sich! Na, da müssen wir wohl mal direkt werden: Kommt raus, ich weiß wo Ihr Euch versteckt: hinter Kuschelkaninchen! Damit man Euch nichts tun kann! Ihr, Ihr, Ihr ... Bauch-Ideologen!" – Immer noch Schweigen. "Dann habe ich noch nicht genügend provoziert. Also dann: Ihr verstoßt gegen zwei Säulen unserer Demokratie: Erstens gegen die Menschenwürde! Wieso? Na, das wisst Ihr doch selber, da kann ich mir doch Argumente sparen. Ist eh' klar. Also zweitens: Ihr seid gegen das Gleichheitsprinzip. Inwiefern? Na, weil Ihr Menschen und Tiere gleichsetzt. Das stimmt nicht? Aha, auch noch leugnen! Ich seh' schon, Ihr seid richtig gefährlich, sprechen wir's doch knallhart aus: faschistoid! Jetzt schluckt Ihr aber trocken! Nein? Also noch nicht genug. Na gut, dann holen wir mal die Hunger-Keule raus: Euch sind die verhungernden Somalier egal, Kaninchen sind Euch wichtiger! Wieder nein? Also so kommen wir nicht weiter, gegen Euch kommt frau ja nicht an (obwohl ich mir das doch für heute vorgenommen habe, jeden Tag eine gute Tat). Gut, probieren wir's mal auf die logische Tour: Wer soll denn mit den Tieren sprechen, außer der Pferdeflüsterer (heute bin ich wieder witzig, aber hallo)? Und ohne die Auskunft der lieben Tierlein, die angeblich leiden, erfahren wir doch gar nicht, was sie wünschen". – "Das sei eine echt schwachsinnige Frage? Und obendrein zynisch? Na, jetzt habe ich aber genug von Eurer schwammigen Kinder-Ideologie, verzieht Euch ganz schnell auf Eure Linsenäcker, wenn dort der Mond scheint, auf den ich Euch am liebsten schießen würde!" –
Genug der Ironie! Frau Seeligers Ausbruch bedarf letztlich einer ernsthaften Antwort – nicht etwa wegen seines Niveaus (das ist unter aller Kritik), sondern weil ihr Elaborat eine Visitenkarte der "taz" ist. Eine solche Antwort hat in prägnantester Form Bernhard Taureck, Professor der Philosophie, formuliert. Er weiß sich nicht nur der intellektuellen Redlichkeit verpflichtet, sondern zugleich auch der Fairness gegenüber allem, was lebt, von uns ausgenutzt, geschädigt oder getötet wird, sich aber nicht selbst wehren kann. Sein Kommentar zu dieser taz-Kolumne: "Schrieb Pindar, der Krieg sei süß für die, welche ihn nicht kennen, so gilt offenbar für viele Fleischesser: Fleisch schmeckt denjenigen so schuldlos herzhaft, welche die Haltung, den Transport und die Schlachtung der Tiere nicht kennen und nicht kennen wollen." – Dem ist nichts hinzuzufügen.